1 Wo je bei altem, gutem Wein
2 Der Württemberger zecht,
3 Da soll der erste Trinkspruch sein:
4 Das alte, gute Recht!
5 Das Recht, das unsres Fürsten Haus
6 Als starker Pfeiler stützt,
7 Und das im Lande ein und aus
8 Der Armut Hütten schützt.
9 Das Recht, das uns Gesetze gibt,
10 Die keine Willkür bricht;
11 Das offene Gerichte liebt
12 Und giltig Urteil spricht.
13 Das Recht, das mäßig Steuern schreibt
14 Und wohl zu rechnen weiß,
15 Das an der Kasse sitzen bleibt
16 Und kargt mit unsrem Schweiß.
17 Das unser heil'ges Kirchengut
18 Als Schutzpatron bewacht,
19 Das Wissenschaft und Geistesglut
20 Getreulich nährt und facht.
21 Das Recht, das jedem freien Mann
22 Die Waffen gibt zur Hand,
23 Damit er stets verfechten kann
24 Den Fürsten und das Land.
25 Das Recht, das jedem offen läßt
26 Den Zug in alle Welt,
27 Das uns allein durch Liebe fest
28 Am Mutterboden hält.
29 Das Recht, des wohlverdienten Ruhm
30 Jahrhunderte bewährt,
31 Das jeder, wie sein Christentum,
32 Von Herzen liebt und ehrt.
33 Das Recht, das eine schlimme Zeit
34 Lebendig uns begrub,
35 Das jetzt mit neuer Regsamkeit
36 Sich aus dem Grab erhub,
37 Ja! wenn auch wir von hinnen sind,
38 Besteh' es fort und fort,
39 Und sei für Kind und Kindeskind
40 Des schönsten Glückes Hort!
41 Und wo bei altem, gutem Wein
42 Der Württemberger zecht,
43 Soll stets der erste Trinkspruch sein:
44 Das alte, gute Recht!
Gedichtinterpretation
Das Gedicht „Das alte, gute Recht“ von Ludwig Uhland thematisiert das württembergische Verfassungsrecht und preist dieses, erinnert aber implizit daran, dass Herrscher und Volk an dieses Recht gebunden sind – es ist sowohl Loyalitätsbekenntnis als auch Mahnung.
Es ist somit ein patriotisches Trinklied auf die Verfassung Württembergs, aber zugleich ein Programmtext für einen frühen liberalen Rechtsstaat.
Das Gedicht ist in 11 Strophen à 4 Verse unterteilt, wobei jede Strophe einen anderen Aspekt des wüttembergischen Verfassungsrechtes beschreibt. Die Sprache ist hierbei eher simpel gehalten, was die Zugänglichkeit des Gedichtes für die breite Bevölkerung sichert. Zudem wird das Gedicht durch die Aussage „Das alte, gute Recht“! (Vers 4 und 44) eingerahmt.
Die erste Strophe (Vers 1-4) wird das Recht mit gutem, altem Wein verglichen, was andeutet, dass dieses reifen muss und nicht beliebig veränderbar ist, es steht über momentanen Machtinteressen.
Die zweite Strophe (Vers 5-8) beschreibt den Aspekt des Schutzes von Fürstenhaus und Armen und die legitime Herrschaft sowie soziale Gerechtigkeit.
Die dritte Strophe (Vers 9-12) thematisiert die Gesetzlichkeit und Transparenz, bestehende Gesetze sollen nicht durch Willkür gebrochen werden dürfen, was demnach den Kern der rechtsstaatlichen Ordnung widerspiegelt.
Die vierte Strophe (Vers 13-16) geht auf den gerechten Umgang mit Steuergeldern ein, bei welchem Missbrauch dieses verhindert und eine Sicherung verantwortlicher Staatsfinanzen gewährleistet werden soll.
Die fünfte Strophe (Vers 17-20) behandelt den Schutz der Kirche, Wissenschaft und Bildung, thematisiert somit kulturelle und geistige Freiheit.
Die sechste Strophe (Vers 21-24) beschreibt das Wehrrecht und die Landesverteidigung, wodurch Bürgerfreiheit und Verantwortung verbunden werden.
Die siebte Strophe (Vers 25-28) geht auf die Freizügigkeit und Heimatbindung ein, die Freiheit der Bewegung sowie die emotionale Heimat.
Die achte Strophe (Vers 29-32) thematisiert die Tradition als legitimierende Kraft wobei ein Vergleich des Rechtes zum Christentum gezogen wird (Vgl. Vers 31-32)
Die neunte Strophe (Vers 33-36) verweist auf den historischen Kontext. Nach den Befreiungskriegen und in der Restaurationszeit, während welcher viele Fürsten die in der Napoleonzeit versprochenen Verfassungen und Rechte wieder einschränkten.
Die zehnte Strophe (Vers 37-40) drückt den Wunsch aus, dass „das alte, gute Rechte“ auch im Laufe der Zeit fortbestehend bleibt und somit zukünftige Generationen schützt, wobei Tradition und Beständigkeit erneut betont werden.
Die elfte und letzte Strophe (Vers 41-44) stellt Heimatverbundenheit und Gemeinschaft in den Mittelpunkt und fordert das gute alte Recht zu erhalten.
Alles in allem steht das „Altes, gute Recht“ nicht für rückwärts gewandten Konservatismus, sondern erkämpfte Grundrechte: Schutz der Schwachen, Gewaltenteilung, Transparenz der Gerichte, kulturelle und religiöse Freiheit, Verteidigungs- und Freizügigkeitsrechte.
Die Statue erinnert daher nicht nur an einen Dichter, sondern an einen Politiker, der Recht, Verfassung und Bürgerfreiheit literarisch gefeiert und politisch eingefordert hat.
